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STREIT UM EMBARGOSchröder und Fischer in der China-Falle Von Carsten Volkery Morgen werden Gerhard Schröder und Joschka Fischer im Bundestag auftreten, um ihre Position zum Waffenembargo gegen China darzulegen. Sie wollen beweisen, dass es keinen Dissens gibt - angesichts ihrer unterschiedlichen Überzeugungen ein echtes Kunststück. DPAZwei Männer, zwei Meinungen: Vizekanzler Fischer, Kanzler Schröder Berlin - Die erste Sitzungswoche des Bundestags nach der Osterpause bietet Explosives. Nicht nur steht die Wahl des Wehrbeauftragten an, die die rot-grüne Fraktionsdisziplin auf die Probe stellt. Ebenso spannend wird die Debatte im Plenum am morgigen Donnerstag: Das umstrittene EU-Waffenembargo gegen China steht wieder auf der Tagesordnung. Dorthin gebracht hat es die CDU/CSU-Fraktion. In einem dürren Antrag, der nur aus einem Satz besteht, fordert sie die Bundesregierung auf, das Embargo beizubehalten. Es ist eine leicht durchschaubare Falle: Die Union möchte die Meinungsverschiedenheiten zwischen Gerhard Schröder und Joschka Fischer in der China-Frage demonstrieren. In zwei 'Zeit'-Interviews hatten sich Kanzler und Außenminister unterschiedlich zum Waffenembargo geäußert, der eine drängend, der andere zögernd. Die Regierungssprecher beeilten sich vergangene Woche zu versichern, dass es keinen Dissens gebe. 'Der Kanzler und Vizekanzler sind völlig einig, dass man in Brüssel auf einen Konsens zusteuern muss und wird', sagte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Lindner. In der EU wird derzeit über eine Aufhebung des 1989 verhängten Embargos beraten. Doch glaubt im politischen Berlin kaum jemand diesen Versicherungen. Stattdessen wird gerätselt, wie China-Fan Schröder und China-Skeptiker Fischer in ihren Reden im Bundestag es schaffen werden, eine gemeinsame Position zu vertreten. Klaus Harpprecht, der frühere Redenschreiber von Willy Brandt, der inzwischen in Frankreich lebt, prophezeit: 'Sie werden den Dissens nicht überspielen können.' Schröder drängt seit Jahren darauf, das Embargo aufzuheben. Er beruft sich unter anderem auf die gemeinsame Abschlusserklärung des EU-China-Gipfels am 8. Dezember 2004. Unter Punkt sieben steht dort: 'Die Seite der EU hat ihren politischen Willen bekräftigt, darauf hin zu arbeiten, das Waffenembargo aufzuheben.' Bei einem Treffen der Staats- und Regierungschefs der 25 EU-Staaten wurde dieses Ziel am 17. Dezember noch einmal bestätigt. Seither ist jedoch einiges passiert. So verabschiedete der chinesische Volkskongress im März das Anti-Sezessions-Gesetz, in dem Taiwan mit Krieg gedroht wird. Der Europäische Rat tadelte daraufhin öffentlich die chinesische Regierung, in vielen EU-Staaten wächst das Unbehagen. So laut sind die Kritiker aus London, Kopenhagen und Stockholm inzwischen, dass die Abstimmung über die Aufhebung des Embargos immer wieder vertagt wird. Auch beim nächsten EU-Gipfel im Juni wird wohl kein Konsens erreicht werden. Chinesische Dissidenten, die 1989 die Revolte gegen die kommunistische Bürokratie anführten, griffen Schröder wegen seiner Haltung ebenfalls scharf an. Auch vor diesem Hintergrund ließ Joschka Fischer vergangene Woche in einem 'Zeit'-Interview durchblicken, dass er eine skeptischere Haltung als der Kanzler habe. Er ließ offen, was genau er damit meinte, doch die Distanzierung war deutlich. Damit befindet er sich in guter Gesellschaft: 70 Prozent der Deutschen sind gegen die Aufhebung des Embargos. Im US-Kongress zirkulieren Gesetzentwürfe, die mit Handelssanktionen gegen Europa drohen, falls das Embargo aufgehoben werden sollte. Auch der Bundestag ist fast geschlossen dagegen. Umso unverständlicher ist für viele die Sturheit, mit welcher Schröder an seinem Kurs festhält. Wieso, fragten sich SPD-Politiker, die am Dienstag zum Mittagessen versammelt waren, gibt sich der als Instinktpolitiker bekannte Kanzler derart unflexibel? Die beiden führenden Außenpolitiker der Fraktion, Gert Weisskirchen und Gernot Erler, bekräftigten noch einmal ihre Kritik am Kanzler, danach wurde diskutiert. Laut Teilnehmern herrschte 'absolute Ratlosigkeit' über die Motive Schröders. Auch in der anschließenden Fraktionssitzung wurde Schröder scharf kritisiert. Weil der Kanzler nicht dabei sein konnte, wird es am Donnerstag vor der Bundestagsdebatte eine Sondersitzung der SPD-Fraktion geben, in der er seine Position noch einmal erläutern will. Schröder hat mehrfach versichert, der Embargo-Stopp habe nichts mit dem Interesse an Rüstungsexporten zu tun. Im Gegenteil: Deutschland setze sich parallel für restriktivere Exportregeln ein. Die Aufhebung des Embargos sei lediglich als politische Freundschaftsgeste an China zu verstehen. Diese Logik leuchtet allerdings nicht allen ein: Wieso sollte man ein Embargo aufheben, wenn man Rüstungsexporte verhindern will? Schröders wichtigster Alliierter im Kampf gegen das Embargo ist da weniger kompliziert: Der französische Präsident Jacques Chirac vertritt die Interessen der französischen Konzerne, die schon jetzt das Embargo kräftig unterlaufen. Allein 2003 wurde militärisches Material im Wert von 416 Milliarden Euro aus der EU nach China geliefert - vor allem aus Frankreich und Italien. Was für Motive aber könnte Schröder haben, wenn nicht wirtschaftliche? Vielleicht geht es ihm einfach darum, ein Versprechen gegenüber der chinesischen Regierung zu halten, wird gemutmaßt. Eine weitere Erklärung ist, dass es darum geht, um Unterstützung für einen deutschen Sitz im Uno-Sicherheitsrat zu buhlen. Das wiederum erscheint kontraproduktiv, weil Schröder mit der China-Politik gleichzeitig die USA, die mächtigste Uno-Vetomacht, vor den Kopf stößt. Der Konflikt mit den USA wird von Schröder-Kritikern als eins der Hauptargumente für eine Beibehaltung des Embargos ins Feld geführt. Warum unnötig Porzellan zerschlagen, wenn das deutsch-chinesische Verhältnis eh gut ist - nicht zuletzt dank der sechs China-Reisen, die Schröder in seinen sechs Amtsjahren gemacht hat? Schröder soll es am Donnerstag erklären. Dass er auf die Linie seiner Fraktion einschwenkt und die Aufhebung verschieben will, glaubt niemand. Interessanter ist daher die Frage, wie Fischer sich verhalten wird. Ex-Redenschreiber Harpprecht empfiehlt, die Flucht nach vorn anzutreten. 'Wenn ich Fischers Berater wäre, würde ich ihm zu völliger Offenheit raten. Er sollte sagen: Wir sind nicht einverstanden mit der Aufhebung des Embargos, aber wir wollen darüber nicht die Koalition sprengen.' Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den Fischer und Schröder sich verständigen könnten, wäre folgender: Wir sind für eine stärkere Regulierung von Rüstungsexporten - wohl wissend, dass ein schärferer Verhaltenskodex in der EU am Widerstand Frankreichs scheitern wird. Das Wirtschaftsministerium arbeitet derzeit an Vorschlägen für eine Überarbeitung des Kodex. Eine Neuregelung müsste auch das Problem der sogenannten Dual-Use-Güter adressieren. Diese Güter, zum Beispiel Motoren oder Elektronik, die sowohl zivil als auch militärisch einsetzbar sind, gelten bisher nicht als Rüstungsgüter und können daher auch in Spannungsgebiete exportiert werden. In einen offenen Konflikt wird sich die Koalition nicht hineinziehen lassen - nicht so kurz vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen. Die Regierungsfraktionen werden verhindern, dass es zur Abstimmung über den Unions-Antrag kommt, weil sie nicht gegen die Regierung stimmen wollen. Der Antrag soll in die Ausschüsse verwiesen werden und dort versanden. Auch Schröder und Fischer könnten sich um klare Worte drücken und, wie ihre Sprecher, sich hinter den Verhandlungen in Brüssel verstecken: Dort werde irgendwann eine Entscheidung fallen, derzeit suche man noch den Konsens.
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