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BUCHPRÄSENTATION MIT LAFONTAINE Wehner, Lenin, Poltergeist Von Henryk M. Broder Heute vormittag hat Oskar Lafontaine sein neues Buch 'Politik für alle' in Berlin vorgestellt - unterstützt von Horst Seehofer, dem ehemaligen Gesundheitsexperten der CSU. Ein ungleicheres Paar kann man sich kaum vorstellen. Und doch sind es Seelenverwandte.
DDPEhemaliger SPD-Parteivorsitzender Lafontaine, CSU-Politiker Seehofer: Optisch ungleiche SeelenverwandtePolitisch hat sich Oskar Lafontaine, zuletzt Minister in der ersten Regierung von Kanzler Schröder, selbst entleibt. Heute bedauert er, dass er nicht nur auf alle Ämter, sondern auch auf den Sitz im Bundestag verzichtet hat. 'Das war ein Fehler. Es wäre ein Vergnügen, heute dort Stellung zu nehmen.' Aber als politischer Schriftsteller ist er recht erfolgreich. 'Nach allen Seiten offen' Von 'Das Herz schlägt links' wurden 300.000 Exemplare verkauft, von 'Die Wut wächst' 50.000, sein neues Buch 'Politik für alle' kommt mit 20.000 Startauflage in den Handel. Mit Rechthaberei, dem Wunsch nach Revanche und Lust am Krawall ist ein solcher Erfolg nicht zu erklären. Der Mann hat was. Er gehört zu den wenigen Polit-Profis, die frei reden können, ohne sich im Gewirr der eigenen Sätze zu verfangen; er weicht nicht aus, wenn er angegriffen wird und vor allem: Er ist der Prototyp des 'political animal', dem man auch dann gerne zuhört, wenn man sich über ihn empört. Ein wenig Franz-Josef Strauß, etwas Herbert Wehner, eine Spur Lenin und ganz viel Poltergeist. Außerdem ist Lafontaine vielseitig und flexibel, man nennt es auch 'nach allen Seiten offen'. Vor kurzem noch assoziierte er sich mit Gregor Gysi, und eine Weile sah es so aus, als würden die beiden gemeinsam eine neue Partei gründen. Und jetzt sitzt er neben dem ehemaligen Gesundheitsexperten der CSU, Horst Seehofer, der Lafontaines neues Buch vorstellt. Auf den ersten Blick zwei Queraus-steiger, Loser, im gleichen Schicksal vereint, von der eigenen Partei verschmäht, aber nicht verzweifelt. Auf den zweiten Blick aber mehr. Ein schon optisch extrem ungleiches Paar und doch Seelenverwandte, die sich spät gefunden haben. Er habe 'alle Bücher von Lafontaine gelesen', sagt Seehofer, als müsste er seine Anwesenheit rechtfertigen, aber er konnte es sich 'nie vorstellen, dass ich je ein Buch von ihm vorstellen würde'. Lafontaine strahlt. 'Das Buch', fährt Seehofer fort, 'hebt sich von vielem ab, was man so in der politischen Literatur inhalliert'. Lafontaine habe 'ein Kontrastprogramm formuliert' und 'neoliberale Wirrgänge widerlegt'. Lafontaines Gesicht leuchtet. 'Lafontaine macht deutlich', erklärt Seehofer, 'dass aus unserem Volk der Dichter und Denker ein Land der Kostensenker geworden ist'. Lafontaine nickt zustimmend. Denkt er jetzt: 'Verdammt, warum ist dieser Satz nicht mir eingefallen?' DPAHartz IV-Gegner Lafontaine bei Leipziger Montagsdemo:'Gegen die Allparteienkoalition'Seehofer sagt, er habe die Fakten in Lafontaines Buch überprüft, 'sie stimmen'. Es werde zwar 'pausenlos reformiert', doch es seien alles 'politisch wirkungslose Maßnahmen' wie zuletzt Hartz IV. 'Der Mensch kommt nicht mehr vor.' Was Lafontaine ausbreite, sei nicht 'Herz-Jesu-Sozialismus', sondern ein Maßnahmenkatalog, 'damit aus einer wirtschaftlichen Krise keine politische wird'. Lob mit doppeltem Boden Während Seehofer in Fahrt kommt, läuft Lafontaine rot an. Die Seeligsprechung durch einen politischen Gegner könnte bei der eigenen Klientel auch kontraproduktiv sein. So dick, wie Seehofer aufträgt, ist das Eis nicht, auf dem Lafontaine seine Kreise dreht. Da heißt es aufpassen, dass er an der Umarmung nicht erstickt, zumal Seehofer auch sehr doppeldeutige Komplimente macht: 'Sie benutzen die Planierraupe der polarisierenden Sprache. Sie ersetzen eine Doktrin durch die andere. Sie haben einen sehr ausgeprägten Tastsinn für Stimmungen in der Bevölkerung.' Schließlich merkt auch Seehofer, dass Glaubwürdigkeit etwas mit Relativierung zu tun hat. 'Das bedeutet nicht, dass ich jede ihrer Positionen teile.' Lafontaine scheint erleichtert. Er habe, betont er, das Buch 'nicht gegen die Regierung, sondern gegen die Allparteienkoalition in Berlin geschrieben'. Er übe Kritik 'an der gegenwärtigen Politik, die nicht allein von der Bundesregierung zu verantworten' wäre, sondern auch von der Opposition. Und dann sagt Lafontaine auch Sätze, die man nicht als Propaganda oder Polemik abtun kann. Dass die 'Kluft zwischen den Eliten und der Mehrheit des Volkes' immer größer wird; dass die 'ungleiche Verteilung' des Reichtums in der Bonner Republik vom Staat 'gedämpft' wurde, während sie nun in der Berliner Republik 'verschärft' wird; dass 'Senkung der Lohnnebenkosten' ein euphemistischer Begriff dafür ist; dass 'Rentner, Kranke, Arbeitslose und Pflegebedürftige' weniger bekommen. Und er macht eine einfache Rechnung auf: Wer 60.000 Euro in die Rentenversicherung einbezahlt hat, bekommt 10.000 Euro ausbezahlt - wenn überhaupt. 'Hartz IV ist ein Gesetzt gegen die guten Sitten, es ist auch verfassungswidrig.' DDPBuch-Präsentatoren Lafontaine, Seehofer: 'Williger Geist, schwache Aussichten'Da nickt Seehofer einverständig und lobt Lafontaine dafür, dass er 'einige Positionen von mir übernommen' hat. Um was für eine Art von Männherfreundschaft es sich da handeln würde, will ein Journalist wissen. 'Da findet weniger statt, als Sie vermuten', stellt Seehofer klar, 'wir werden vielleicht zusammen essen gehen - wenn Lafontaine bezahlt'. Ob Lafontaine, statt Bücher zu schreiben, nicht gerne wieder mitregieren würde, fragt ein anderer Kollege. Seehofer hat die Frage entweder missverstanden oder auf seine Situation bezogen. Er antwortet an Lafontaines statt: 'Der Geist ist willig, aber die Aussichten sind schwach.' Nach einer Stunde ist die Buch-Präsentation vorbei. Während Lafontaine und Seehofer noch Interviews geben, stürzen sich die Gäste auf die Kanapees. Würde man nach dem Tempo urteilen, mit dem die Häppchen verputzt werden, muss der Abbau des Sozialstaates schon sehr weit fortgeschritten sein. 'Ich mag den Lafontaine nicht', sagt ein in Berlin recht bekannter Kommentator, während er die Schnittchen auf seinem Teller stapelt, 'aber es könnte schon sein, dass er recht hat'.

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